Bibliothek St. Johann JUKIBU


Endlich ist es so weit!

Im hippen St. Johann öffneten am 17. August die JUKIBU und die GGG Stadtbibliothek ihre Tore am Standort Lothringerplatz 1. Das Gebäude ist ein moderner Neubau und wurde von der Stiftung Habitat gebaut. Die neue gemeinsame Bibliothek befindet sich in einem Mehrfamilienhaus, das vor allem auch grösseren Familien bezahlbaren Wohnraum ermöglichen soll. 

Der neue Standort beherbergt rund 28’000 Medien auf 778 Quadratmetern Standfläche. 

Im St. Johann ist das multikulturelle Flair vielerorts wahrnehmbar; bei einem Ausländeranteil von 43,4 Prozent erscheint dies nicht verwunderlich. An kulinarischer Vielfalt wird hier ebenfalls nicht gegeizt. Von Thai-Restaurant, Pizzeria, Dönerbuden bis hin zu Schweizer Gaststätten ist hier alles vertreten. Aus genau diesem Grund könnte man sich momentan wohl kaum einen besseren Standort für eine interkulturelle Bibliothek vorstellen. Das Gründungsjahr der JUKIBU war 1991. Bis vor Kurzem befand sie sich noch in der Elsässerstrasse und ist aus dem St. Johann kaum noch wegzudenken. Sie wurde von Anfang an vonseiten der GGG Stadtbibliothek unterstützt und beherbergt Kinder- und Jugendliteratur in rund 50 Sprachen. 

Doch wer steckt eigentlich hinter solch einem beeindruckenden interkulturellen Erfolg? Was treibt Leute dazu an, ein Projekt dieser Art ins Leben zu rufen? Die Leidenschaft für Bücher? Die Liebe zu anderen Kulturen? Um alle offenen Fragen klären zu können (und einen Einblick hinter die Kulissen zu erhalten), mache ich mich heute auf den Weg in die neuen Räumlichkeiten der Bibliothek St. Johann JUKIBU und treffe mich mit der Filialleiterin Frau Maureen Senn. 

Endlich ist es so weit. Die Bibliothek St. Johann JUKIBU hat ihre Tore am neuen Standort und die JUKIBU ist nun ein Teil der GGG Stadtbibliothek Basel. Die JUKIBU gibt es ja schon seit 25 Jahren. Ist das richtig? 

Das ist richtig. Sogar 27 Jahre als Verein.

Frau Senn, Sie leiten seit 14 Jahren die JUKIBU in Basel. Wie kommt man auf die Idee, eine interkulturelle Bibliothek zu gründen?

Vor ca. 27 Jahren entstand bei einer Gruppe von Müttern aus den unterschiedlichsten Ländern das Bedürfnis, ihren Kindern den Zugang zu Kindergeschichten in der eigenen Muttersprache zu ermöglichen. Das Anschaffen der Kinderbücher war aufwendig, deshalb entstand die Idee, diesen Büchern einen Ort zu geben, wo sie einen Platz haben sollten und an andere Interessierte weitergegeben werden konnten. Um andere Menschen für die Idee zu überzeugen, gingen die Frauen in den Sommermonaten auf öffentliche Plätze und boten die Bücher gegen ein Pfand zur Ausleihe an. Dadurch gab es immer mehr Interessierte, die zuletzt auch zu Mitgliedern wurden und das Projekt mit unterstützten.

Den Engagements der Frauen ist es zu verdanken, dass heute die JUKIBU eine etablierte Bibliothek ist, die mit einer Fülle von Büchern aus über 50 Sprachen zu einem wichtigen Treffpunkt der Kulturen geworden ist.

Sie sind in den USA geboren und aufgewachsen? 

Ich wurde in den USA geboren und bin auf einem Bauernhof mit vielen Geschwistern aufgewachsen. 

Sie haben Kinder?

Zwei inzwischen erwachsene Söhne. 

Was war bei Ihnen zuerst da? Die Liebe zu den Büchern oder die Liebe zu anderen Kulturen? 

Das kann ich gar nicht so sagen. Als ich selbst ein Kind war, sind mir Bücher als Allererstes begegnet, und die fand ich immer faszinierend. Wir sind selten in den Urlaub gefahren. Wir waren in den Ferien meist in der Bibliothek, und auch während meiner Ausbildung habe ich mich viel in Bibliotheken aufgehalten. Aber relativ früh entwickelte ich auch eine Faszination für andere Kulturen und andere Sprachen.

Ich wollte ins Ausland und habe Deutsch gelernt. Das ist auch ein bisschen ein Zufall, denn die einzige Fremdsprache, die an meiner High School in unserer Kleinstadt damals angeboten wurde, war Deutsch. 

Durch die Deutschkenntnisse konnte ich an der zweisprachigen Kennedy-Schule in Berlin meine ersten Erfahrungen als Primarlehrerin im Ausland sammeln. Das war eine besondere Zeit. Ich war 27 Jahre alt, und die Mauer war gefallen. Ich war 5 Jahre dort Lehrerin und in dieser Zeit lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen. 

Wie viele Mitglieder hat die JUKIBU?

Als Verein hatten wir bis jetzt 360 Mitglieder. Bis anhin hatten auch die Primarschulen in Basel-Stadt alle eine Mitgliedschaft. Die interkulturelle Bibliothek ist gerade für die Schulklassen eine Bereicherung, weil die vielen Kinder mit Migrationshintergrund Bücher in ihrer Muttersprache ausleihen konnten. In Zukunft kann eine Lehrperson mit einer Institutionskarte der GGG Stadtbibliothek bis zu 30 Medien ausleihen, auch von der neuen Bibliothek St. Johann JUKIBU. Außerdem bekommen alle Erstklässler in Basel, Allschwil und Binningen einen Ausweis der Stadtbibliothek. Diese Schüler werden so auf das Angebot der GGG Stadtbibliothek, aber natürlich auch auf das Angebot der Bibliothek St. Johann JUKIBU aufmerksam.

Neu werden Sie ein Teil der GGG Stadtbibliothek sein. Was bringt dieser Zusammenschluss für Veränderungen mit sich? 

Der Verein JUKIBU hat sich an der Jahresversammlung in Juni 2019 zu einem Förderverein umgewandelt. Bis anhin stand in den Statuten, dass der Hauptzweck des Vereins darin bestand, die Bibliothek zu betreiben. Neu wird die JUKIBU von der GGG Stadtbibliothek betrieben. Das Hauptanliegen des Fördervereins liegt im interkulturellen Bereich. Neu hat ein Vorstandsmitglied des Fördervereins einen Sitz in der Bibliothekskommission der Stadt Basel. 

Führen oder führten Sie sonst noch weitere Projekte für Schulen? 

Ich war von Anfang an innerhalb der Bildungslandschaft St. Johann in das Projekt „Family Literacy“ involviert. „Family Literacy“ ist ein englischer Begriff und steht für die frühliterarische Förderung, vor allem in der Familie. Das läuft weiterhin. Man versucht, die Zusammenarbeit zwischen Schule, Elternhaus und ausserschulischen Institutionen zu intensivieren. Es ist ein Austausch zu interkulturellen Themen rund um Geschichten, Sprache, Kultur. Vor allem Sprachen, die im schulischen Alltag sonst wenig Platz bekommen, haben hier einen Raum, ja sogar eine Bühne gefunden; hier wird gesungen und gespielt, meist auf der Grundlage einer mehrsprachigen Geschichte. Immer wieder werden Elternabende veranstaltet, an denen die verschiedenartigen Sprachen im Zentrum stehen.

Wer profitiert von Ihrem Angebot und welche Zielgruppe haben Sie bei der Bibliothek St. Johann JUKIBU? 

Ich denke, vor allem Familien, Kinder, Jugendliche. Vor allem die, die mehr als eine Sprache in sich tragen; die zu Hause eine Sprache anderer Herkunft sprechen und in der Schule Deutsch lernen. Sie merken, sie sind mit dieser Besonderheit nicht alleine; sie erleben einen Ort, an dem auch andere Menschen diese Sprache sprechen und pflegen. Sie freuen sich, dass es zahlreiche Menschen gibt, die wie sie auch mehrsprachig sind. Die JUKIBU ist mittlerweile stadtbekannt und hat sich gut etabliert. Wir haben nach wie vor in über 50 Sprachen Bestände. Hauptsächlich für Kinder und Jugendliche, und dass die nebeneinander und miteinander hier unter einem Dach sind, ist für die Stadt und für dieses Quartier eine wirkliche Bereicherung. 

Bisher hatte die JUKIBU ihren Schwerpunkt bei Kindern und Jugendlichen. Stand nie die Frage im Raum, das Sortiment auch auf Erwachsene zu erweitern? 

Mit der GGG Stadtbibliothek können wir tatsächlich nun auch ein grösseres Angebot für Erwachsene anbieten. Für Erwachsene haben wir auch englisch- und deutschsprachige Bücher im Sortiment. 

Der digitale Bereich gewinnt ja auch immer mehr an Zuwachs. Wie viele Medien können Sie denn nun bereits digital anbieten? 

Wer ein Abonnement bei der GGG Stadtbibliothek hat, der hat automatischen Zugang zum Onleihe-Angebot. Hier kann man bis zu 8 Medien als E-Book ausleihen. Der Katalog der JUKIBU ist bereits seit längerer Zeit online und nun Teil des Katalogs der GGG Stadtbibliothek. Das heisst, recherchieren kann man online. Das war bereits in der alten JUKIBU so. So kann jeder Kunde selbst einen Überblick über den Bestand der Bücher erhalten, die zur Ausleihe bereitstehen. Weiter haben wir neu die Möglichkeit, iPads bei Führungen anzubieten. „Action Bound“ ist eine digitale Schatzsuche, die mithilfe von Apps durchgeführt werden kann. 

Wie viele Personen arbeiten hier für die Bibliothek St. Johann JUKIBU?

Das Gesamtteam der Bibliothek St. Johann JUKIBU besteht aus 5 Personen im festangestellten Team, die 3 Vollzeitstellen teilen, und 17 ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Die kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Sie helfen, die Bücher zu beschaffen, arbeiten im Bereich Infodienst oder helfen, die Bücher einzubinden. 

Gibt es denn Verlage, die Sie bevorzugen? Gerade auch im interkulturellen Bereich? 

Es gibt aus Deutschland einige Verlage, die zweisprachige Bücher herausgeben. Bilibri und den Anadolu Verlag. Hauptsächlich führen sie türkische und deutsche Literatur, inzwischen auch ein etwas breiteres Angebot. Aus England haben wir immer wieder zweisprachige Bücher vom Mantra Verlag.

Welche Bücher schaffen es in Ihre Regale?

Wir versuchen immer, die Augen und Ohren offen zu halten. Manchmal recherchieren wir auch themenbezogen, gerade wenn wir zu einem bestimmten Thema etwas benötigen. Die Bücher sind immer politisch neutral und frei von religiösen Inhalten. 

Für welche Sprachen besteht noch besonderer Anschaffungsbedarf? 

Im Moment ist es nach wie vor so, dass wir noch dran sind, unseren Bestand von Büchern aus Syrien und Afghanistan aufzubauen. Aber auch in kurdischer Sprache haben wir noch nicht so viele Bücher. 

Wie sieht Ihr Alltag in der Bibliothek St. Johann JUKIBU aus? 

In Zeiten, zu denen hier geschlossen ist, finden meist unsere Hauptarbeiten statt. Wir werden nach wie vor unseren interkulturellen Bestand in den unterschiedlichen Sprachen selbst katalogisieren. Wir binden die Bücher auch selbst ein.

Dann müssen Dienstpläne für die Theke gemacht werden. Zwischendurch bin ich auch an der Theke. In der alten JUKIBU habe ich viele Klassenführungen und Gruppenführungen gemacht. 

Kann man sich aktiv beteiligen, auch wenn man kein Mitglied ist? 

Das kann man sogar sehr gut, indem man eben Geschichten erzählt oder sich da einbringt, wo es noch Unterstützung braucht. Wenn man seltene Sprachen spricht, ist es für uns immer eine grosse Hilfe. Im Moment könnte ich jemand Russischsprachigen und Albanischsprachigen gut gebrauchen. 

Was zeichnet in Ihren Augen eine gute Kindergeschichte aus? 

Die Künstler, die gute Kinderbücher schreiben, sind Leute, die bis zu einem gewissen Grade alle Altersstufen ansprechen und deren Geschichten über alle Zeiten hinweg Gültigkeit bewahren. Wirklich menschliche Themen. Oft sind es Enttäuschung, Freude oder Angst, die subtil, im Sinne einer Anregung, in Geschichtenform verpackt werden. 

Weniger die Bücher mit einer sehr strengen und klaren moralischen Botschaft als die, durch die das Nachdenken angeregt wird. Wenn die Illustrationen auch gelungen sind, dann sind das für mich Bijoux. 

Sagen Geschichten auch etwas über die Nationen, Länder und Kulturen aus? 

Ich denke, es gibt gewisse Kulturen, die ihre eigenen Themen haben oder auch Besonderheiten, wie z. B. im Umgang mit Tieren. Jetzt gerade ist eine Kollegin dabei, eine Geschichte vorzubereiten, die sie auf Koreanisch vorlesen wird. Da hat der Tiger eine zentrale Rolle.

Beim Recherchieren bin ich auch auf das Projekt „Sprachbaum“ gekommen. Können sie mir noch mehr über das Projekt erzählen? 

Ja, wir nennen das „Geschichtenbaum“. Und weil sie in der Familie stattfindet, ist sie in der Herkunftssprache oder in der Muttersprache. Wir haben Projekte in der Bibliothek, die vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien, SIKJM, unterstützt oder ins Leben gerufen worden sind. Das sind die „Schenk mir eine Geschichte“-Projekte. Im Herbst läuft „Schenk mir eine Geschichte“ auf Tamilisch und auf Portugiesisch. Später im Herbst kommt Albanisch dazu, und Arabisch fängt zwischen November und Dezember an. Dieses Angebot ist für Eltern mit Kleinkindern zwischen zwei und sechs Jahren. Die Treffen finden sechs Mal statt, in der Regel einmal in der Woche. Die Geschichten werden in der Herkunftssprache erzählt. Die Idee ist, dass die Eltern durch eine ausgebildete Animateurin angeregt werden, selber Geschichten zu Hause zu erzählen. Oft wird noch gesungen, gespielt oder dazu gebastelt. Aber es findet in der Regel in einer Sprache statt. 

Und dann gibt es noch ein weiteres Angebot einer Kollegin. Sie führt das Projekt „Schenk mir eine Geschichte“ auf Deutsch durch und versucht, die anderen Sprachen mit einzubeziehen. Das ist für das Stadium, wo die Eltern denken: „Ich fühle mich eigentlich hier sehr sicher, suche Kontakt nach aussen und möchte Fuss fassen.“ 

Der Geschichtenbaum ist ein für die JUKIBU spezifisches Projekt, das Familien in ihren Herkunftssprachen unterstützt. Da werden über 50 Geschichten pro Jahr in losem Abstand immer wieder in der Herkunftssprache sowie auf Deutsch erzählt, und da sollte es eben in beide Richtungen funktionieren. Das ist eine Möglichkeit, etwas von sich und seiner Kultur zu zeigen. Wir haben mit einer Kollegin schon thailändisches Neujahr gefeiert. Weiter zelebrierten wir den mexikanischen Totentag im November, und in der Regel wird die Geschichte dann auch auf Deutsch vorgelesen, damit niemand ausgeschlossen ist. 

Wie kommen Familien, deren sprachliche Fähigkeiten noch eingeschränkt sind, zu Informationen? 

Am besten funktioniert der Kontakt durch Mund-zu-Mund-Propaganda. In diesem Bereich haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter eine Schlüsselrolle. 

Wir leben heute in einer Flut von Flyern, sodass wir uns jeweils genau überlegen müssen, was wir in Form eines Flyers herausgeben. Es hat sich auch gezeigt, dass die Flyer anders wahrgenommen werden, wenn sie in der jeweiligen Muttersprache herausgegeben werden und aufliegen. 

Wie hoch ist das Budget pro Jahr für ihre Bücher? 

Das Medienbudget liegt bei insgesamt 43’500 Schweizer Franken, davon ist die Hälfte, also 21’750 Franken, für den interkulturellen Teil reserviert. 

In dem Film „Ex Libris“ von Frederick Wiseman sagt ein Bibliotheksmitarbeiter den Satz: „Wir sind doch kein Bücherlager, wir sind viel mehr.“

Genau. Ein neuer Treffpunkt im öffentlichen Raum, wo sich Menschen gerne lange Zeit aufhalten und sich begegnen. 

Mein Eindruck ist, dass Sie das in der interkulturellen Bibliothek schon ganz lange auf Ihrer Fahne stehen haben.

In der Bibliothekswelt spricht man vom Dritten Ort. Es ist der Ort neben dem Zuhause und der Schule oder dem Arbeitsplatz. Ich denke, heute kommt noch das Problem der digitalen Medien hinzu. So toll sie auch sein können, führen sie auch oft zur Isolation.

Heute ist man sehr beschäftigt und leider sind all diese Orte der realen Begegnung mehr und mehr weggefallen. Dadurch sind die Bibliotheken zu einem Ort geworden, wo man sich unkompliziert aufhalten und treffen kann. 

Kann eine Bibliothek St. Johann JUKIBU Weichen stellen für interkulturelle Kompetenzen? 

Ich glaube schon daran, dass das die interkulturellen Kompetenzen fördert. Man kann es nicht immer so genau messen. Und wenn man die Kinder fragt, weiss ich nicht, ob sie immer genau sagen können, woher etwas kommt. Aber die Tatsache, dass man das zusammen hier erlebt, spricht für sich, oder? 

Für eine Gesellschaft ist eine interkulturelle Verständigung unumgänglich. Die Welt wächst immer mehr zusammen, gerade in den Schulen. Welchen Beitrag kann eine Gesellschaft da leisten? 

Die Möglichkeit zur Partizipation spielt eine wesentliche Rolle, sie ist ein wichtiger Pfeiler unserer Philosophie für die Quartierbibliotheken. Das war von Anfang an einer der Grundsätze der JUKIBU und auch der GGG Stadtbibliothek Basel: dass man die Stärken herauskristallisiert aus dem, was man bereits mitbringt. 

Was kann die Schule für die interkulturelle Sensibilität beitragen? 

Ich denke, es ist wirklich wichtig, die vielen Sprachen zu thematisieren. Vor allem, wenn man in den unteren Stufen das Lesen lernt. Viele Kinder haben eben eine zusätzliche Sprache, und wenn man das nicht thematisiert, wird ein Stück Identität übersehen.

Auf welchen Wegen können Eltern einen Beitrag zur interkulturellen Erziehung leisten? 

Beispielsweise durch Bilderbücher, in denen Familien und Kinder mit ganz unterschiedlichen Kulturen abgebildet sind. Natürlich auch mit einem Besuch in der Bibliothek St. Johann JUKIBU und mal mit der Teilnahme an einem Geschichtenbaum-Projekt. Alleine dem Klang einer fremden Sprache zu lauschen, kann aufregend sein und macht gerade die Kinder oft sehr neugierig auf das Fremde. 

Ein aus dem Iran stammender, in der Schweiz lebender politischer Flüchtling meinte in einem Interview, dass im Iran jeder Heidi kennt. Können Bücher als Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen dienen? 

Ja, auf jeden Fall.

Sind Bücher repräsentativ für ein Land, wie zum Beispiel Heidi für die Schweiz? Wie sehen Sie das?

Es gibt natürlich Dinge, die sich ändern, aber ich finde schon, es gibt Dinge, die etwas mit dem Selbstverständnis eines Landes zu tun haben. Wir bauen Brücken in beide Richtungen. 

Um nochmals zum Thema Identität zurückzukommen: Wir reden ja ganz häufig vom hohen Stellenwert der Identität. Es ist ganz bestimmt wichtig, die eigene zu wahren, um dann auch in der Fremde an das Wir anzuknüpfen, oder? 

Im Bestand gibt es auch einige Sachbücher, wo man Fotos aus Thailand sieht. Eine thailändisch-sprachige Kundin hat gemeinsam mit ihrem Sohn ein Buch mit vielen Bildern aus Thailand angesehen, daraufhin gab der Sohn die Äusserung von sich: „Mama, du kommst aus so einem schönen Land.“ Das war einer von diesen goldenen Momenten.

Man weiss nicht, ob er je dort war. Aber er hat das Herkunftsland seiner Mutter bewundert, schlussendlich auch ein Stück seiner Identität. 

Man sagt, dass Identität die Voraussetzung ist für Individualität. Es gibt eben einen Kern, den wir uns bewahren möchten. Dann gibt es doch ganz bestimmt auch Grenzen eines Wir-Gefühls? 

Sicher. Ich denke, das ist genau das Thema von uns allen. Jeder Mensch ist einzigartig und bringt wirklich Einzigartiges in die Welt hinein. Heute wird oft alles sehr schnell vereinheitlicht, dann heisst es schnell einmal: „So hat alles zu sein.“ Gerade bei den Jugendlichen geht es um die gleichen Themen: Man möchte von anderen akzeptiert werden und zu sich selbst stehen.

Wo hört gesunde Kulturliebe auf und mündet im schlimmsten Fall in gefährlichen Nationalismus?

Ich glaube, da muss man ein Gespür dafür entwickeln. Es gibt nicht nur eine einzige Kultur, sondern es ist eine von vielen Kulturen, die hier nebeneinander existieren. Und daraus entsteht das Miteinander. „Wo finden wir Anknüpfungspunkte?“ „Wo ist etwas ganz anders, was mich hoffentlich mehr fasziniert als abstösst?“ Trotzdem wissen wir auch, dass es allzu menschlich ist, dass man immer Sympathien und Antipathien entwickelt.

Im Sinne von Toleranz, indem man etwas wertfrei stehen lassen kann?

Tolerieren anstatt urteilen. Zum Glück leben wir in einer Zeit, in der das an vielen Orten gelebt wird. 

Können Sie sagen, dass es etwas wie eine gemeinsame Sprache oder eine gemeinsame Identität gibt, wenn bei Ihnen an so einem Nachmittag sehr viele Kulturen aufeinandertreffen? 

Gut, der Rahmen besteht darin, dass es hier stattfindet. Es hilft eben schon, dass innerhalb einer Bibliothek gewisse Regeln existieren. Da einigen wir uns auf unsere Regeln. Die Geschichte ist vorgegeben. Es gibt auch einen gewissen Rahmen je nach Kulturkreis. Das sind meistens ausreichende Strukturen, die diesen Austausch ermöglichen. Unsere Bücher sind auch nie politisch orientiert. Sie müssen politisch neutral sein. Sie müssen auch religiös neutral sein. 

Man sagt ja gerade auch von der Musik, dass sie die Sprache ist, die von allen universell verstanden wird. Haben Sie in den letzten Jahren musikalische interkulturelle Projekte gemacht? 

Ja, immer wieder. Zum Beispiel gestalteten wir die Erzählnacht letztes Jahr zusammen mit einer Musikpädagogin, Anne-Kathrin Zwygart, die im St.-Johanns-Quartier lange einen Treffpunkt für Musik und für Familien hatte und die jetzt in die Innenstadt gezogen ist. Beim Eröffnungsfest komponierte eine argentinische Komponistin mit Familien zusammen eine Geschichte mit Alltagsgeräuschen.

Die Dozentin Maria Riss vom Zentrum Lesen an der pädagogischen Hochschule Aarau hat in Untersuchungen festgestellt, dass bei vielen Kindern nach der zweiten Klasse ein sogenannter Leseknick einbricht. Wie schaffen Sie es, aus einem Lesemuffel eine Leseratte zu machen? 

Das schafft man leider nicht immer. Aber ich denke, es ist wie der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Je mehr die Kinder konfrontiert sind mit Vorlesemomenten und Aktionen und je mehr Anregungen sie aus unterschiedlichen Ecken bekommen, desto grösser sind die Chancen. Vielleicht werden sie nie zu einer Leseratte, aber zumindest werden sie mögliche Aversionen gegen das Lesen überwunden haben. 

Der Bund setzt bei der Förderung einen Akzent auf die Kinder- und Jugendliteratur und unterstützt das finanziell. Macht der Bund bereits genügend? 

Für die Finanzierung der Bibliothek St. Johann JUKIBU ist seit 1.7. die GGG Stadtbibliothek verantwortlich. Die ordentliche Subvention wurde entsprechend erhöht. Auch die Beiträge der GGG und der Stiftung Habitat wurden erhöht. Ausserdem ist die JUKIBU Teil eines Dachvereins, der Interbiblio heisst. Dazu gehören 20 Bibliotheken in der ganzen Schweiz, die interkulturell tätig sind. Unser Dachverein organisiert einmal im Jahr eine Tagung, in der wir uns austauschen. Insofern würde ich sagen: 

Es wird bereits viel getan – aber in puncto Leseförderung kann und muss man immer noch mehr machen. 

Es ist wirklich toll und sehr wertschätzend, wie alles verlaufen ist. Ich bin so stolz, in einer Stadt zu leben, die ein solches Projekt mit einer solchen Zusammenarbeit ermöglicht. Es ist wie in dem Ex-Libris-Film; eine Private-Public-Partnership.

Was war denn Ihr schönstes Erlebnis oder einer Ihrer schönsten Momente in der JUKIBU? 

Ich glaube, für mich ist es, wenn ich durch das Quartier fahre und die Kinder mich als „Frau Bibliothek“ erkennen. Das finde ich wunderschön. 

Abschliessen möchte ich mit einem Zitat von Hermann Hesse: „Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.“ Nach diesem Zitat ist das Familienhaus am Lothringerplatz 1 das reichste Familienhaus weit und breit. Liebe Frau Senn, vielen Dank für das Gespräch und Ihren unermüdlichen Einsatz für das interkulturelle Verständnis.

Das Interview wurde von Jerusalem Ilfu geführt. Sie ist Koordinatorin der Bildungslandschaft St.Johann, Logopädin und Sängerin.

 

Facts and Figures Bibliothek St. Johann JUKIBU

Fläche: 778 m2 aufgeteilt auf 2 Geschosse (Erdgeschoss und UG),
davon ca. 600 m2 Publikumsfläche
Ausstattung: Medienangebot in Regalen, mehrsprachiger Informationspunkt, zwei Beamer mit Projektionsflächen, Arbeitsplätze, Geschichtenbühne, Verweilzonen mit Sofas und Sesseln, W-LAN, behindertengerecht
Medien: 28’000 (21’000 fremdsprachige und 7’000 deutschsprachige Medien)
Fremdsprachen: 53
Mitarbeitende: 5 (300 Stellenprozente)
Ehrenamtliche Mitarbeitende: 17 (Sprachdelegierte)
Leitung: Maureen Senn
Öffnungszeiten: Total 36 Stunden pro Woche
Di/Do/Fr: 12–19 Uhr
Mi: 10–19 Uhr
Sa: 10–16 Uhr
Betreiber: GGG Stadtbibliothek Basel
Website Bibliothek: www.stadtbibliothekbasel.ch/de/stjohannjukibu.html
Förderverein: Förderverein JUKIBU, www.jukibu.ch
Hauseigentümer: Stiftung Habitat
E-Mail: stjohannjukibu@stadtbibliothekbasel.notexisting@nodomain.comch
Adresse: Lothringerplatz 1, 4056 Basel, Tel. 061 322 63 19